Tira
03.04.2006, 16:58
Durahl und Seska Ihsan waren stolze Mitglieder des Kriegerstammes der südlichen Zittergipfel. Der Stamm war berühmt für seine Ehre, seinen Mut und die wilden Berserker mit ihrer dunklen Haut, ihren dunklen Haaren und ihren hellen Augen. Die stärksten Berserker waren Durahl und seine Frau Seska. Durahls Axt zerteilte Felsen und Seskas Schwert durchschnitt Stahl, sie wahren gefürchtet und respektiert zugleich.
Wen wundert es, dass im Stamm die Geburt ihrer gesunden Kinder hochgefeiert wurde? Die Kinder versprachen ebensolche starken Krieger zu werden wie ihre Eltern. Da war der tollkühne erstgeborene Sohn Thir, die zweitgeborene Tochter Garra und der kleine Brûn, der jüngste Sohn der Familie Ihsan. Alle drei hatten die dunkle Haut und Haar und die hellblauen Augen ihrer Eltern. Alle drei waren die Hoffnung des Kriegerstammes auf Ruhm und Ehre in ganz Tyria. So gut wie jeder Krieger Tyrias hörte Geschichten über die Ihsan-Familie und den Kriegerstamm der Südgipfel.
Doch etwas stimmte nicht. Etwas eigenartiges umgab die Tochter Ihsan, Garra. Sie war nicht wie ihre Brüder, die schon früh mit den Kampfesübungen begannen. Garra wollte kein Schwert halten. Sie fragte sich, ob es nicht noch mehr gäbe als blanken Stahl. Sie las alle Bücher derer sie habhaft werden konnte - was sich als recht schwer erwies, da kaum einer der Südgipfel-Barbaren überhaupt lesen konnte, geschweige denn ein Buch besaß. Wann immer jemand aus dem Stamm eine der nahen Städte besuchte reiste sie mit - nicht um wie die anderen Vorräte zu kaufen, Waffen schmieden zu lassen oder sich einen der Kämpfe in den Arenen anzuschauen, sondern um sich in der städtischen Bibliothek zu verkriechen.
"Mit Büchern kannst du keinen Frostlindwurm erschlagen, Garra!" ermahnten ihre Eltern sie mehr als einmal. Doch das Kind las weiter und lernte begierig. Als sie 8 war, hatte sie sich bereits mehr Wissen angeeignet als alle Mitglieder des Stammes zusammen. Unter den Barbaren war sie verachtet, da sie kein Schwert halten, geschweige denn in einem Kampf standhalten konnte. Und unter den Kindern der Städte wurde sie als dumme Barbarin ausgelacht. Nirgends passte sie rein, doch es war ihr egal. Sie hasste die Menschen um sich herum, da sie sie nicht verstanden.
Eines Tages, als sie wieder durch eine Stadt streifte um die Bibliothek aufzusuchen, trat ein großer Mann auf sie zu. Er war dunkel gekleidet, sein Körper war von Narbenmustern geziert und von Seide und Leder verhüllt. Eine dunkle Aura umgab ihn und Garra konnte spüren, wie die Luft um ihn herum den Tod für jedes Wesen das sich ihm näherte bedeuten würde. Seine Augen blickten halb durch sie hindurch und sein vernarbtes Grinsen war schief, doch in seinem Blick verbarg sich Weisheit und Macht der Jahrhunderte. Er blickte Garra aus seinen schlangenhaften Augen an und grinste, ihr ein Buch reichend das einen unheimlichen Einband trug.
"Wenn du mal ein richtiges Buch lesen willst, Kindchen, dann lies dieses. Deine Eltern sagen du könntest mit Büchern keine Frostwürmer töten - doch mit DIESEM hier kannst du es!" sagte er.
Garra schaute ihn nur mit großen Augen an, während sie das Buch an sich nahm und zusah, wie der Mann sich vor ihren Augen in Luft auflöste.
Garra wusste, dass es Wissen gab das gefährlich sein konnte. Doch ihre Neugierde war größer als ihre Vorsicht. Sie zog sich Tags darauf in ihr Zimmer zurück und studierte das Buch - es handelte sich um die Kopie der Schriften eines Nekromantie-Ordens, der jemandem folgte, der sich "der Erste" nannte. Einem Mann namens Kabal, der laut diesem Buch der erste Nekromant war, der Grenth nach dem Exodus diente und für ihn die Stadt der Toten gründete. Kabal sammelte jedoch so viel Macht, dass er drohte sich über Grenth zu erheben und Grenth entließ ihn der Dienerschaft. Kabal löste sich von dem Gott und gründete einen eigenen Orden - Die Kabalisten.
Das Wissen das in diesem Buch stand war ungeheuerlich - und unerträglich für den zarten Verstand eines 10-jährigen Mädchens. Das Wissen bohrte sich in ihr Hirn und veränderte sie auf ewig, der Wahnsinn fraß an ihrem Verstand und die Kunst der Nekromantie und des Wahnwitzes eröffnete sich ihr.
Als Garra ihr Zimmer verließ hatte sie ihr langes Haar zu Zöpfen geflochten und war ein anderer Mensch geworden. Eine unheilsvolle Aura umgab sie und ihre Familie wurde misstrauisch. Viele im Stamm bemerkten die Veränderung. Doch Garra war erfüllt von neuem Mut. Endlich verstand sie. Endlich ergab alles einen Sinn - zumindest für ihren irren Verstand. Sie sprang hinaus auf den Dorfplatz des Stammes und lachte als hätte sie das größte Glück der Welt gefunden.
"Was hat dieses verrückte Kind jetzt schon wieder angestellt?" murrte Thoran, ein Jungspund der gerade den ersten Grad des Schwertkampfes erlernt hatte. "Hey, Bücherwurm-Garra, geh nach Hause und kuschel mit deinen staubigen Folianten!" grollte er, sichtlich verständnislos darüber dass jemand der noch nie ein Schwert gehalten hatte so glücklich sein konnte. Garra grinste ihn nur herausfordernd an. Sie hatte keine Angst mehr - sie fühlte sich als könnte niemand ihr etwas anhaben.
Sie streckte Thoran die Zunge heraus. "Hervorragend" dachte sie, "an ihm kann ich mein neues Wissen testen."
Sie hoppste auf ihn zu und während sie lief starrte sie ihn an - das Blut in seinen Adern gefror für einen Augenblick und löste sich teilweise auf um Garra neue Kraft zu spenden - sie hatte Vampirstarren auf ihn angewandt, ihren ersten nekrotischen Zauber.
Erschrocken sprang Thoran auf und griff nach seinem Schwert. "DAS IST HEXEREI!" schrie er. Er sprang auf Garra zu. Hexerei war im Südgipfel-Stamm strengstens verboten. "Ich werde dich vernichten, Hexenbrut!" rief er und stürzte sein Schwert auf Garra. Doch wie durch Zufall wich die kleine Garra aus und packte Thorans Arm. "Verrottendes Fleisch" wirkte sie und sah entzückt zu, wie sich Thorans Arm und bald darauf der Rest von Thorans Fleisch faulig und verdorrend von seinen Knochen löste.
Thoran war tot. Garra lachte gellend auf. "Von wegen Bücher können niemanden töten! GHA HAHAHAHAHAHA!" Etwas in ihr krümmte sich vor Schmerz - es war der Rest des friedvollen Kindes das in ihr schlummerte, doch diese innere Pein begann sie noch mehr aufzuregen. Sie wollte mehr. Sie bekam mehr.
Thorans Todesschrei hatte den ganzen Stamm aus den Hütten gelockt und sie versammelten sich im Halbkreis um Garra - auch ihre Eltern waren mit dabei. Alle blickten sie voller Entsetzen an. Einige brüllten "Hexe", andere "Verbrennt das Dämonenkind!". Doch ein einzelner Mann trat hervor, klatschte in die Hände und sagte "Garra, ich bin sehr stolz. Wie ich sehe hast du sehr vieles gelernt - und es gibt noch sehr vieles was du lernen musst. ICH werde es dir zeigen."
Erheitert schaute Garra zu dem Mann hoch - es war der Mann der ihr das Buch gegeben hatte und er war wie aus dem Nichts aufgetaucht.
"DÄMON" rief Seska. "Was hast du mit unserem Kind gemacht?!" schrie sie voller Verzweiflung, doch eine Handberührung des Mannes ließ die stolze Kriegerin zu einer alten Frau werden, dann zu einer verrotteten Mumie und schließlich zu Staub. Die umstehenden Leute sprangen zur Seite, doch Durahl zog seine Axt und stürzte sich wutentbrannt auf den Mann. Und auch er endete wie seine Frau.
Garra sah teilnahmslos zu. Etwas in ihr schrie auf als sie ihre Eltern sterben sah. Etwas in ihr wollte in Wut ausbrechen und den Mann töten der es getan hatte, etwas in ihr wollte schreiend und schluchzend zusammenbrechen. Doch sie tat nichts. Sie blickte starr auf die Aschehäufchen und sah dann zu dem Mann auf.
Dieser verneigte sich vor Garra und sagte "Gestatten, ich bin Kabal der Dritte, Nachfahre des großen Kabal, Erster der Kabalisten. Folge mir mein Kind." Garra nickte nur. Doch die anderen Barbaren stellten sich ihm in den Weg.
"Verbrennt den Dämon und sein Hexenkind!" riefen sie und griffen an. Und jemand wurde verbrannt - doch nicht Garra und Kabal III. Jener Tag war der letzte Tag an dem man je wieder etwas von diesem Südgipfel-Barbarenstamm hörte. Denn seit jenem Tag ist dieser Stamm ausgelöscht. Ausgelöscht, bis auf eine verdrehte überlebende - Garra.
Der Erste schaute auf das Kind hinab das die brennenden Ruinen ihres Dorfes anstarrte. "Du musst all das alte hinter dir lassen wenn ich dich mit nach Aphetto, die Stadt der Toten nehmen soll. Du musst alles ablegen, auch deinen Namen. Garra Ihsan ist in diesem Dorf gestorben." Das Mädchen schaute zu ihm auf, salzige Tränen füllten ihre Augen, doch sie nickte. Ihr Geist verfiel dem Wahn und das Kind Garra wurde tief im innern ihres Bewusstseins vergraben. Kabal strich über die Zöpfe des Mädchens und hatte sofort einen Namen gefunden. "Von heute an wird dein Name 'Braids' sein." Seit jenem Tag trug Braids stets ihre Zöpfe wie ein Markenzeichen.
Und so nahm Kabal Braids mit in die Stadt der Toten, um sie in der Kunst der Nekromantie auszubilden. Sie lernte alles was sie wissen musste und wissen wollte. Kabal entdeckte an ihr schon bald ein außergewöhnliches Talent.
Sogar unter den Kabalisten war Braids eine Außenseiterin. Sie lernte fleißig, doch redete sie nur mir ihren Lehrmeistern, nie mit anderen lernenden. Sie kämpfte in den Todesgruben, der Arena in Aphetto, und besiegte zahllose Gegner. Kabal war sehr stolz auf seine Entdeckung. Eines Tages, als Braids gerade 16 war, ging er auf sie zu, so wie er es an jenem Tag in der Stadt getan hatte, als er ihr das Buch gab.
„Braids, dein Können und deine Begabung sind außergewöhnlich. Ich denke du bist bereit für die letzte Prüfung. Ich denke du könntest eine Wahnwitzbeschwörerin werden.“
Wahnwitzbeschwörerin. Jene verdrehten Kämpfer der Kabalisten die die Fähigkeit hatten, sich in ihr innerstes zu kehren und es nach außen zu stülpen um die Realität zu beeinflussen. Jene die zwischen dem Licht und dem Schatten standen, zwischen der Realität und der Illusion, zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten. Es war eine große Ehre, jene Prüfung abzulegen und eine noch viel größere, sie zu überleben. Braids konnte nicht ablehnen, selbst wenn sie gewollt hatte. Stattdessen nickte sie nur. „Ich nehme die Ehre an und werde mich der Prüfung stellen.“
Und so geschah es. Die Prüfung fand inmitten der Arena statt. Unter Jubelschreien betrat Braids die Arena. Hier würde sie eine neue Macht erhalten – oder beim Versuch sterben. Die Prüfung war kein Test der Stärke. Alles was sie bisher gelernt hatte konnte ihr hier nicht helfen. Es war eine Prüfung der Seele. Sie würde niemand anderem sonst als dem Tod selbst gegenübertreten.
Die Tore öffneten sich. Blauer Nebel erfüllte die Arena und eine blasse Gestalt, kaum mehr als eine schwebende, durchscheinende graue Robe deren Gesicht nichts war als ein schwarzer Abgrund und deren Arme aussahen wie die von etwas, das geradewegs aus der Unterwelt entsprungen war, betrat den Schauplatz. Das Wesen ließ einen Schrei ertönen, der allen Zuhörern das Mark in den Knochen gefrieren ließ. Etwa 30 Menschen starben durch einen Herzschlag in dem Moment in dem der Schrei ertönte. Andere rannten vor Angst weg – weitere starben als sie von den fliehenden niedergetrampelt wurden. Und Braids erkannte in diesem Augenblick, worin die Prüfung bestand. Es war eine Prüfung der Angst. Nur wahnsinnige verspürten keine Angst. Dieses Wesen war die Inkarnation der Angst. So konnten nur wahnsinnige ihr gegenübertreten – und nur wahnsinnige konnten Wahnwitzbeschwörer werden. Braids wusste, würde sie auch nur die leiseste Angst verspüren, würde das ihren Tod bedeuten. Entschlossen machte sie einen Schritt auf das Wesen zu.
„Ich bin Zeit meines Lebens eine Außenseiterin gewesen. Niemand hat mich je verstanden.“
Sie machte einen weiteren Schritt.
„Meine Seele wurde gemartert und gepeinigt, mein Geist verbogen und gebrochen.“
Noch ein Schritt.
„Alle die mir etwas bedeuteten… denen ICH etwas bedeutete sind tot. Meine Familie, meine Freunde.“
Sie kam dem Wesen näher, dass sie nur aus einem wabernden, dunklen Nichts heraus anstarrte.
„Ich habe gelitten und gelernt. Ich habe mein Schicksal angenommen ohne Fragen zu stellen. Ja! Ich bin wahnsinnig! Eine Irre! Und das ist gut so!“
Sie stand nun direkt vor dem Wesen und blickte furchtlos in die Schwärze unter der Kapuze.
„Nur wahnsinnige können in dieser Welt unbeirrt fortbestehen. Ich habe keine Angst. Man sagt es gäbe nichts zu fürchten, außer der Angst selbst. DU bist die Angst selbst.“
Sie spürte wie das Wesen sich in ihren Geist brannte, jene verborgenen Winkel ihres Verstandes erforschte und ihre innersten Ängste suchte.
„Du kannst mir nichts antun, Inkarnation der Furcht! Alles was mir angetan werden konnte wurde mir bereits angetan! Ich fürchte den Tod nicht. Und ich fürchte dich nicht.“
Braids setzte ihr Grinsen auf, wie sie es jedes Mal tat, wenn sie einen Gegner in die Knie zwang. Lächelnd breitete sie die Arme aus und umarmte die graugewandete Gestalt.
Das Wesen schrie auf. Es kreischte aus Verzweiflung und empfing Braids in einer Umarmung des Todes. Doch Braids blieb standhaft. Wunden zogen sich blutend über ihren Körper. Sie bildeten uralte Muster, Linien und brannten sich in ihr Fleisch, so wie sich die Inkarnation der Alpträume vor ihr in ihren Geist brannte. Das Wesen verschwand, doch es starb nicht – es wurde von Braids aufgenommen.
Die Wunden verheilten, zurück blieben Narben. Ihr Blick war nicht mehr derselbe. Ein Auge in die Realität der Lebenden gerichtet, richtete sich ihr anderes in die Welt der Toten, der Alpträume, der Illusionen. Sie blickte nun halb durch die Dinge hindurch und erkannte was sie wirklich waren. Braids wurde zu einer Kreatur der Gegensätze. Sie war tot und doch lebendig. Sie war real, und doch nur eine Illusion. Sie war unglücklich, und doch ging es ihr nie besser. Sie war erfüllt von Liebe und Hass. Liebe und Hass für sich selbst und für ihre Umgebung. Sie war entstellt und doch bildschön. Ein Wesen der Gegensätze, eine Kreatur des Widersinns – eine Wahnwitzbeschwörerin.
Doch zahlte sie dafür auch einen Preis. Tief in ihrem Bewusstsein vergraben schlummerte noch immer Garra Ihsan, jenes gütige, sanftmütige Kind das lieber Bücher las als zu kämpfen. Doch das war die, die gewesen ist. Braids, die, die nun war, verachtete ihr früheres Ich. All die Liebe die sie als Kind empfangen hatte. All die Unterstützung ihrer Eltern, obwohl sie nie das tat was die Eltern erwarteten. All das schöne das Garra verkörperte. Braids verschloss sie tief in sich. Sie liebte es, und sie hasste es. Und sie würde Garra schlafen lassen. Sie würde widerliche Dinge tun, sie würde sich am Leid anderer ergötzen – um die Garra in sich, die sie hasste und liebte, zu quälen. Braids liebte es sich selbst zu zerstören. Und sie hasste sich dafür.
Mit 21 schloss sie ihre Ausbildung zur Wahnwitzbeschwörerin ab, doch hatte sie in so kurzer Zeit mehr gesehen als manch anderer Mensch. Kabal erkannte den Wahnsinn in ihr. Würde sie bei den Kabalisten bleiben, würde sie sich am Ende selbst zerstören. Das konnte Kabal nicht zulassen. Sie musste fort, sie musste in die Welt reisen, Menschen treffen, das Wort der Kabalisten in die Welt tragen und den Wahnsinn – um zu sich selbst zu finden. In einer dunklen Regennacht legte das Schiff im Hafen an und entlud seine Fracht unsanft am Strand von Ascalon. So wurde Braids in Tyria ausgesetzt um zu sich zurückzukehren – oder bei dem Versuch sich selbst zu vernichten.
Wen wundert es, dass im Stamm die Geburt ihrer gesunden Kinder hochgefeiert wurde? Die Kinder versprachen ebensolche starken Krieger zu werden wie ihre Eltern. Da war der tollkühne erstgeborene Sohn Thir, die zweitgeborene Tochter Garra und der kleine Brûn, der jüngste Sohn der Familie Ihsan. Alle drei hatten die dunkle Haut und Haar und die hellblauen Augen ihrer Eltern. Alle drei waren die Hoffnung des Kriegerstammes auf Ruhm und Ehre in ganz Tyria. So gut wie jeder Krieger Tyrias hörte Geschichten über die Ihsan-Familie und den Kriegerstamm der Südgipfel.
Doch etwas stimmte nicht. Etwas eigenartiges umgab die Tochter Ihsan, Garra. Sie war nicht wie ihre Brüder, die schon früh mit den Kampfesübungen begannen. Garra wollte kein Schwert halten. Sie fragte sich, ob es nicht noch mehr gäbe als blanken Stahl. Sie las alle Bücher derer sie habhaft werden konnte - was sich als recht schwer erwies, da kaum einer der Südgipfel-Barbaren überhaupt lesen konnte, geschweige denn ein Buch besaß. Wann immer jemand aus dem Stamm eine der nahen Städte besuchte reiste sie mit - nicht um wie die anderen Vorräte zu kaufen, Waffen schmieden zu lassen oder sich einen der Kämpfe in den Arenen anzuschauen, sondern um sich in der städtischen Bibliothek zu verkriechen.
"Mit Büchern kannst du keinen Frostlindwurm erschlagen, Garra!" ermahnten ihre Eltern sie mehr als einmal. Doch das Kind las weiter und lernte begierig. Als sie 8 war, hatte sie sich bereits mehr Wissen angeeignet als alle Mitglieder des Stammes zusammen. Unter den Barbaren war sie verachtet, da sie kein Schwert halten, geschweige denn in einem Kampf standhalten konnte. Und unter den Kindern der Städte wurde sie als dumme Barbarin ausgelacht. Nirgends passte sie rein, doch es war ihr egal. Sie hasste die Menschen um sich herum, da sie sie nicht verstanden.
Eines Tages, als sie wieder durch eine Stadt streifte um die Bibliothek aufzusuchen, trat ein großer Mann auf sie zu. Er war dunkel gekleidet, sein Körper war von Narbenmustern geziert und von Seide und Leder verhüllt. Eine dunkle Aura umgab ihn und Garra konnte spüren, wie die Luft um ihn herum den Tod für jedes Wesen das sich ihm näherte bedeuten würde. Seine Augen blickten halb durch sie hindurch und sein vernarbtes Grinsen war schief, doch in seinem Blick verbarg sich Weisheit und Macht der Jahrhunderte. Er blickte Garra aus seinen schlangenhaften Augen an und grinste, ihr ein Buch reichend das einen unheimlichen Einband trug.
"Wenn du mal ein richtiges Buch lesen willst, Kindchen, dann lies dieses. Deine Eltern sagen du könntest mit Büchern keine Frostwürmer töten - doch mit DIESEM hier kannst du es!" sagte er.
Garra schaute ihn nur mit großen Augen an, während sie das Buch an sich nahm und zusah, wie der Mann sich vor ihren Augen in Luft auflöste.
Garra wusste, dass es Wissen gab das gefährlich sein konnte. Doch ihre Neugierde war größer als ihre Vorsicht. Sie zog sich Tags darauf in ihr Zimmer zurück und studierte das Buch - es handelte sich um die Kopie der Schriften eines Nekromantie-Ordens, der jemandem folgte, der sich "der Erste" nannte. Einem Mann namens Kabal, der laut diesem Buch der erste Nekromant war, der Grenth nach dem Exodus diente und für ihn die Stadt der Toten gründete. Kabal sammelte jedoch so viel Macht, dass er drohte sich über Grenth zu erheben und Grenth entließ ihn der Dienerschaft. Kabal löste sich von dem Gott und gründete einen eigenen Orden - Die Kabalisten.
Das Wissen das in diesem Buch stand war ungeheuerlich - und unerträglich für den zarten Verstand eines 10-jährigen Mädchens. Das Wissen bohrte sich in ihr Hirn und veränderte sie auf ewig, der Wahnsinn fraß an ihrem Verstand und die Kunst der Nekromantie und des Wahnwitzes eröffnete sich ihr.
Als Garra ihr Zimmer verließ hatte sie ihr langes Haar zu Zöpfen geflochten und war ein anderer Mensch geworden. Eine unheilsvolle Aura umgab sie und ihre Familie wurde misstrauisch. Viele im Stamm bemerkten die Veränderung. Doch Garra war erfüllt von neuem Mut. Endlich verstand sie. Endlich ergab alles einen Sinn - zumindest für ihren irren Verstand. Sie sprang hinaus auf den Dorfplatz des Stammes und lachte als hätte sie das größte Glück der Welt gefunden.
"Was hat dieses verrückte Kind jetzt schon wieder angestellt?" murrte Thoran, ein Jungspund der gerade den ersten Grad des Schwertkampfes erlernt hatte. "Hey, Bücherwurm-Garra, geh nach Hause und kuschel mit deinen staubigen Folianten!" grollte er, sichtlich verständnislos darüber dass jemand der noch nie ein Schwert gehalten hatte so glücklich sein konnte. Garra grinste ihn nur herausfordernd an. Sie hatte keine Angst mehr - sie fühlte sich als könnte niemand ihr etwas anhaben.
Sie streckte Thoran die Zunge heraus. "Hervorragend" dachte sie, "an ihm kann ich mein neues Wissen testen."
Sie hoppste auf ihn zu und während sie lief starrte sie ihn an - das Blut in seinen Adern gefror für einen Augenblick und löste sich teilweise auf um Garra neue Kraft zu spenden - sie hatte Vampirstarren auf ihn angewandt, ihren ersten nekrotischen Zauber.
Erschrocken sprang Thoran auf und griff nach seinem Schwert. "DAS IST HEXEREI!" schrie er. Er sprang auf Garra zu. Hexerei war im Südgipfel-Stamm strengstens verboten. "Ich werde dich vernichten, Hexenbrut!" rief er und stürzte sein Schwert auf Garra. Doch wie durch Zufall wich die kleine Garra aus und packte Thorans Arm. "Verrottendes Fleisch" wirkte sie und sah entzückt zu, wie sich Thorans Arm und bald darauf der Rest von Thorans Fleisch faulig und verdorrend von seinen Knochen löste.
Thoran war tot. Garra lachte gellend auf. "Von wegen Bücher können niemanden töten! GHA HAHAHAHAHAHA!" Etwas in ihr krümmte sich vor Schmerz - es war der Rest des friedvollen Kindes das in ihr schlummerte, doch diese innere Pein begann sie noch mehr aufzuregen. Sie wollte mehr. Sie bekam mehr.
Thorans Todesschrei hatte den ganzen Stamm aus den Hütten gelockt und sie versammelten sich im Halbkreis um Garra - auch ihre Eltern waren mit dabei. Alle blickten sie voller Entsetzen an. Einige brüllten "Hexe", andere "Verbrennt das Dämonenkind!". Doch ein einzelner Mann trat hervor, klatschte in die Hände und sagte "Garra, ich bin sehr stolz. Wie ich sehe hast du sehr vieles gelernt - und es gibt noch sehr vieles was du lernen musst. ICH werde es dir zeigen."
Erheitert schaute Garra zu dem Mann hoch - es war der Mann der ihr das Buch gegeben hatte und er war wie aus dem Nichts aufgetaucht.
"DÄMON" rief Seska. "Was hast du mit unserem Kind gemacht?!" schrie sie voller Verzweiflung, doch eine Handberührung des Mannes ließ die stolze Kriegerin zu einer alten Frau werden, dann zu einer verrotteten Mumie und schließlich zu Staub. Die umstehenden Leute sprangen zur Seite, doch Durahl zog seine Axt und stürzte sich wutentbrannt auf den Mann. Und auch er endete wie seine Frau.
Garra sah teilnahmslos zu. Etwas in ihr schrie auf als sie ihre Eltern sterben sah. Etwas in ihr wollte in Wut ausbrechen und den Mann töten der es getan hatte, etwas in ihr wollte schreiend und schluchzend zusammenbrechen. Doch sie tat nichts. Sie blickte starr auf die Aschehäufchen und sah dann zu dem Mann auf.
Dieser verneigte sich vor Garra und sagte "Gestatten, ich bin Kabal der Dritte, Nachfahre des großen Kabal, Erster der Kabalisten. Folge mir mein Kind." Garra nickte nur. Doch die anderen Barbaren stellten sich ihm in den Weg.
"Verbrennt den Dämon und sein Hexenkind!" riefen sie und griffen an. Und jemand wurde verbrannt - doch nicht Garra und Kabal III. Jener Tag war der letzte Tag an dem man je wieder etwas von diesem Südgipfel-Barbarenstamm hörte. Denn seit jenem Tag ist dieser Stamm ausgelöscht. Ausgelöscht, bis auf eine verdrehte überlebende - Garra.
Der Erste schaute auf das Kind hinab das die brennenden Ruinen ihres Dorfes anstarrte. "Du musst all das alte hinter dir lassen wenn ich dich mit nach Aphetto, die Stadt der Toten nehmen soll. Du musst alles ablegen, auch deinen Namen. Garra Ihsan ist in diesem Dorf gestorben." Das Mädchen schaute zu ihm auf, salzige Tränen füllten ihre Augen, doch sie nickte. Ihr Geist verfiel dem Wahn und das Kind Garra wurde tief im innern ihres Bewusstseins vergraben. Kabal strich über die Zöpfe des Mädchens und hatte sofort einen Namen gefunden. "Von heute an wird dein Name 'Braids' sein." Seit jenem Tag trug Braids stets ihre Zöpfe wie ein Markenzeichen.
Und so nahm Kabal Braids mit in die Stadt der Toten, um sie in der Kunst der Nekromantie auszubilden. Sie lernte alles was sie wissen musste und wissen wollte. Kabal entdeckte an ihr schon bald ein außergewöhnliches Talent.
Sogar unter den Kabalisten war Braids eine Außenseiterin. Sie lernte fleißig, doch redete sie nur mir ihren Lehrmeistern, nie mit anderen lernenden. Sie kämpfte in den Todesgruben, der Arena in Aphetto, und besiegte zahllose Gegner. Kabal war sehr stolz auf seine Entdeckung. Eines Tages, als Braids gerade 16 war, ging er auf sie zu, so wie er es an jenem Tag in der Stadt getan hatte, als er ihr das Buch gab.
„Braids, dein Können und deine Begabung sind außergewöhnlich. Ich denke du bist bereit für die letzte Prüfung. Ich denke du könntest eine Wahnwitzbeschwörerin werden.“
Wahnwitzbeschwörerin. Jene verdrehten Kämpfer der Kabalisten die die Fähigkeit hatten, sich in ihr innerstes zu kehren und es nach außen zu stülpen um die Realität zu beeinflussen. Jene die zwischen dem Licht und dem Schatten standen, zwischen der Realität und der Illusion, zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten. Es war eine große Ehre, jene Prüfung abzulegen und eine noch viel größere, sie zu überleben. Braids konnte nicht ablehnen, selbst wenn sie gewollt hatte. Stattdessen nickte sie nur. „Ich nehme die Ehre an und werde mich der Prüfung stellen.“
Und so geschah es. Die Prüfung fand inmitten der Arena statt. Unter Jubelschreien betrat Braids die Arena. Hier würde sie eine neue Macht erhalten – oder beim Versuch sterben. Die Prüfung war kein Test der Stärke. Alles was sie bisher gelernt hatte konnte ihr hier nicht helfen. Es war eine Prüfung der Seele. Sie würde niemand anderem sonst als dem Tod selbst gegenübertreten.
Die Tore öffneten sich. Blauer Nebel erfüllte die Arena und eine blasse Gestalt, kaum mehr als eine schwebende, durchscheinende graue Robe deren Gesicht nichts war als ein schwarzer Abgrund und deren Arme aussahen wie die von etwas, das geradewegs aus der Unterwelt entsprungen war, betrat den Schauplatz. Das Wesen ließ einen Schrei ertönen, der allen Zuhörern das Mark in den Knochen gefrieren ließ. Etwa 30 Menschen starben durch einen Herzschlag in dem Moment in dem der Schrei ertönte. Andere rannten vor Angst weg – weitere starben als sie von den fliehenden niedergetrampelt wurden. Und Braids erkannte in diesem Augenblick, worin die Prüfung bestand. Es war eine Prüfung der Angst. Nur wahnsinnige verspürten keine Angst. Dieses Wesen war die Inkarnation der Angst. So konnten nur wahnsinnige ihr gegenübertreten – und nur wahnsinnige konnten Wahnwitzbeschwörer werden. Braids wusste, würde sie auch nur die leiseste Angst verspüren, würde das ihren Tod bedeuten. Entschlossen machte sie einen Schritt auf das Wesen zu.
„Ich bin Zeit meines Lebens eine Außenseiterin gewesen. Niemand hat mich je verstanden.“
Sie machte einen weiteren Schritt.
„Meine Seele wurde gemartert und gepeinigt, mein Geist verbogen und gebrochen.“
Noch ein Schritt.
„Alle die mir etwas bedeuteten… denen ICH etwas bedeutete sind tot. Meine Familie, meine Freunde.“
Sie kam dem Wesen näher, dass sie nur aus einem wabernden, dunklen Nichts heraus anstarrte.
„Ich habe gelitten und gelernt. Ich habe mein Schicksal angenommen ohne Fragen zu stellen. Ja! Ich bin wahnsinnig! Eine Irre! Und das ist gut so!“
Sie stand nun direkt vor dem Wesen und blickte furchtlos in die Schwärze unter der Kapuze.
„Nur wahnsinnige können in dieser Welt unbeirrt fortbestehen. Ich habe keine Angst. Man sagt es gäbe nichts zu fürchten, außer der Angst selbst. DU bist die Angst selbst.“
Sie spürte wie das Wesen sich in ihren Geist brannte, jene verborgenen Winkel ihres Verstandes erforschte und ihre innersten Ängste suchte.
„Du kannst mir nichts antun, Inkarnation der Furcht! Alles was mir angetan werden konnte wurde mir bereits angetan! Ich fürchte den Tod nicht. Und ich fürchte dich nicht.“
Braids setzte ihr Grinsen auf, wie sie es jedes Mal tat, wenn sie einen Gegner in die Knie zwang. Lächelnd breitete sie die Arme aus und umarmte die graugewandete Gestalt.
Das Wesen schrie auf. Es kreischte aus Verzweiflung und empfing Braids in einer Umarmung des Todes. Doch Braids blieb standhaft. Wunden zogen sich blutend über ihren Körper. Sie bildeten uralte Muster, Linien und brannten sich in ihr Fleisch, so wie sich die Inkarnation der Alpträume vor ihr in ihren Geist brannte. Das Wesen verschwand, doch es starb nicht – es wurde von Braids aufgenommen.
Die Wunden verheilten, zurück blieben Narben. Ihr Blick war nicht mehr derselbe. Ein Auge in die Realität der Lebenden gerichtet, richtete sich ihr anderes in die Welt der Toten, der Alpträume, der Illusionen. Sie blickte nun halb durch die Dinge hindurch und erkannte was sie wirklich waren. Braids wurde zu einer Kreatur der Gegensätze. Sie war tot und doch lebendig. Sie war real, und doch nur eine Illusion. Sie war unglücklich, und doch ging es ihr nie besser. Sie war erfüllt von Liebe und Hass. Liebe und Hass für sich selbst und für ihre Umgebung. Sie war entstellt und doch bildschön. Ein Wesen der Gegensätze, eine Kreatur des Widersinns – eine Wahnwitzbeschwörerin.
Doch zahlte sie dafür auch einen Preis. Tief in ihrem Bewusstsein vergraben schlummerte noch immer Garra Ihsan, jenes gütige, sanftmütige Kind das lieber Bücher las als zu kämpfen. Doch das war die, die gewesen ist. Braids, die, die nun war, verachtete ihr früheres Ich. All die Liebe die sie als Kind empfangen hatte. All die Unterstützung ihrer Eltern, obwohl sie nie das tat was die Eltern erwarteten. All das schöne das Garra verkörperte. Braids verschloss sie tief in sich. Sie liebte es, und sie hasste es. Und sie würde Garra schlafen lassen. Sie würde widerliche Dinge tun, sie würde sich am Leid anderer ergötzen – um die Garra in sich, die sie hasste und liebte, zu quälen. Braids liebte es sich selbst zu zerstören. Und sie hasste sich dafür.
Mit 21 schloss sie ihre Ausbildung zur Wahnwitzbeschwörerin ab, doch hatte sie in so kurzer Zeit mehr gesehen als manch anderer Mensch. Kabal erkannte den Wahnsinn in ihr. Würde sie bei den Kabalisten bleiben, würde sie sich am Ende selbst zerstören. Das konnte Kabal nicht zulassen. Sie musste fort, sie musste in die Welt reisen, Menschen treffen, das Wort der Kabalisten in die Welt tragen und den Wahnsinn – um zu sich selbst zu finden. In einer dunklen Regennacht legte das Schiff im Hafen an und entlud seine Fracht unsanft am Strand von Ascalon. So wurde Braids in Tyria ausgesetzt um zu sich zurückzukehren – oder bei dem Versuch sich selbst zu vernichten.