Von einem seiner Streifzüge durch Löwenstein brachte mein guter Freund Rin einen interessanten Handzettel mit. Folgender Text war unter der Überschrift Klageschrift eines Unbekannten zu lesen.

Vom Geist der Freiheit erfasst, dem die Menschen Krytas in jüngster Vergangenheit anheimgefallen sind, entschloss ich mich die Ihnen, verehrter Leser, nun vorliegenden Zeilen zu verfassen.
Ich bin ein weitgereister Mann, habe also viele Landstriche unseres schönen Tyrias gesehen, und noch mehr Menschen und Kulturen kennen, manche sogar, lieben gelernt.
Ascalon, sowohl vor als auch nach seiner Zerstörung, Kourna, Vaabi, die weite Jadesee der Luxonstämme, all das waren nur ein paar Ziele meiner lehrsamen Unternehmungen.
Selbst das nun versunkene Orr sah ich und es wird mir das Herz schwer, weiß ich doch, welch schmerzhafter Verlust der Untergang einer derartigen Kultur für einen Menschen wie mich bedeutet.
Doch dafür, meine Melancholie mit Ihnen zu teilen, soll dieser Text nicht dienen.
Genau wie die bereits genannten Länder, bereiste ich auch Kryta immer wieder. Ich tat es sogar gerne, bietet das Land doch eine große Vielfalt an Leuten und Gebräuchen.
Leider lehrte mich eben jene Vielfalt aber auch ihre Schattenseiten. Nebst den von Banden heimgesuchten Straßen Kainengs, so möchte ich behaupten, gibt es kaum einen Fleck auf der Welt, wo Moral, Anstand und Sitten so vergessen sind, wie in der Stadt Löwenstein. Vor den Zeiten der Charrkriege ein blendendes Juwel, nun ein stumpfes Schmucksteinimitat.
"Je älter der Mensch, desto fragwürdiger seine Moral", so sagte es mir mein Lehrmeister oft. Tat ich es früher als die Verbitterung eines alten Mannes ab, erkenne ich mit wachsenden Alter langsam, doch sicher, die Weisheit, die in seinen Worten steckte.
Getrieben von Abenteuerlust, der Strafverfolgung in fremden Ländern oder einfach nur der naiven Ansicht, das Leben in Kryta wäre leichter, strömen mehr und mehr in die Stadt und mit ihnen der Verfall.
Auch Familien, die über Generationen das Land in Tyrias Mitte bevölkern, teilen meine kritische Ansicht. Löwenstein hat sich in einen Sumpf verwandelt, beherrscht von zwielichtigen Gestalten.
So hört man an Feuern, in Tavernen oder in abgelegenen Gassen immer wieder von dunklen Zauber, Verehrung neuer, finsterer Götter und Geschäften mit Dämonen, Geistern und Teufeln.
Andern Orts prügelt man sich nach Belieben und würden die Gardisten nicht zufällig in das Treiben eingreifen, man hätte am Abend einige Tote mehr zu beklagen.
Doch wie der Sache habhaft werden?
Teile der Stadt gleichen einem Söldnerlager, so überausgelassen und nahezu primitiv ist die Stimmung dort. Gäste sind dazu bewaffnet wie die Herren selbigens. Es wird gelärmt, gesoffen und gehurt, ganz ohne jegliches Schamempfinden.
Frau und Frau, Mann und Mann. Ein Stelldichein, das man zuhauf beobachtet. Mädchen, die Bezeichnung Weib noch nicht verdienend, tragen runde Bäuche vor sich her. Und der Rest dieser tollen Kerle und Weiber nimmt es wie den täglichen Sonnenaufgang hin. Ein Bastard zeugt den Nächsten. Kein Handwerk erlernt, meucheln sie dann alsbald den Unschuldigen für das tägliche Stück Brot.
All das sind die hässlichen Pockennarben, die das Gesicht dieser schönen Stadt, dieses schönen Landes, verunzieren. Leider, auch zu meiner eigenen Schande, sei gesagt, dass ich keine Tinktur besitze, jene Makel zu überzeichnen.
Abschließend jedoch ein Zitat eines freundlichen Fischermannes, mit dem ich dieses Thema ausführlich behandelte:
So wie es ist, kann es nicht bleiben, wenn wir wollen, dass es besser wird. Sonst leben unsere Kinder bald in einem Räuberlager und Piratenhafen.